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Veränderung passiert von allein – Thierry Henry und die produktive Seite der Resilienz

| Andreas Kellner

Veränderung passiert von allein – Thierry Henry und die produktive Seite der Resilienz

Lesezeit ca. 4:55 min

Was ist Resilienz? Im derzeitigen Klima von Fachkräftemangel einerseits und gefühlter Unsicherheit – angesichts von Klimawandel, Pandemie und Krieg – andererseits ist viel zu hören von “Wellbeing at Work”, also etwa “Wohlfühlen am Arbeitsplatz”. Das überrascht nicht, geht es doch für viele Arbeitgeber darum, die zunehmend knappe Ressource Mitarbeiter:innen anzuziehen und an sich zu binden.

Spiegelbildlich suchen Arbeitnehmer:innen nach Sicherheit und einer guten Atmosphäre am Arbeitsplatz.

 

Was ist Resilienz und was bringt sie mir?

Ein zentrales Thema im Diskurs um “Wohlfühlen am Arbeitsplatz”, der eng mit Fragen der psychischen Gesundheit verbunden ist, ist die sogenannte Resilienz. In der Tat scheint mir dieses Wort beinahe schon von Überbenutzung bedroht zu sein, so häufig wird es bemüht. Umso wichtiger ist es, hier genau hinzuschauen. Was also ist Resilienz, was nützt sie mir und wie werde ich resilient?

 

Resilienz als positive Hartnäckigkeit

Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, sich von Rückschlägen, unglücklichen Situationen oder Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen und diese Niederlagen vielleicht sogar produktiv zu nutzen. Je resilienter ich bin, desto eher also stehe ich wieder auf, wenn ich mal hingefallen bin und ich denke, wir haben alle genug vom Leben gesehen, um zu wissen, dass diese Form von “positiver Hartnäckigkeit” eine äußerst wertvolle Eigenschaft ist.

 

Sinn macht resilient

Einer der Faktoren, die Resilienz steigern, ist, so sagt uns die psychologische Forschung, wenn ich mein Tun als für mich sinnvoll erfahre. Wenn ich mir also, bei dem, was ich tue, darüber im Klaren bin, was mein Ziel ist und dieses Ziel für mich “Sinn macht”. Leicht vorstellbar, dass ich, wenn dies der Fall ist, mich schneller wieder aufrapple, wenn ich Rückschläge erlebe, oder etwas nicht so läuft, wie ich das gern hätte.

 

Über Resilienz hinaus?

Soweit so gut und wertvoll: Ein für mich sinnvolles Ziel zu verfolgen, macht mich robuster gegenüber Rückschlägen; resilient eben. Aber ist diese Betrachtungsweise nicht etwas eng? Schließlich passiert uns nicht nur negatives, sondern auch positives und “neutrales”, oder? Wie also ändert sich das Bild, wenn wir das, was uns so im Alltag zustößt, mal ganz allgemein als “Veränderung” beschreiben, die zunächst mal weder positiv noch negativ ist? Wenn wir Resilienz also als die Art und Weise beschreiben, auf die wir mit Veränderung umgehen?

 

Veränderung passiert von allein

Veränderung, das hat mir vor vielen Jahren eine sehr kluge Frau mitgegeben, passiert von allein. Anders ausgedrückt:

Der Glaube, wir seien als erwachsene Menschen irgendwann “fertig” im Sinne von nicht mehr veränderbar, ist ebenso Unsinn, wie jeder Versuch, Veränderung aufzuhalten.

Die Frage ist also “lediglich”, wie wir mit Veränderung umgehen.

 

Die passive Seite von Resilienz

Mit dieser Frage wurde ich kürzlich in einem Gespräch konfrontiert und dabei fiel mir eine Szene aus einem Fußballspiel ein, das ich vor vielen Jahren im Fernsehen sah. Zu jener Zeit versuchte man sich hierzulande einzureden, dass eine sichere Abwehr und ein fantasieloses, aber körperlich starkes Offensivspiel eben “deutscher Tugend” entspreche und ultimativ erfolgreich sein werde. Mittlerweile trägt diese Vogts-Völler-Jancker-Bierhoff-Ära das Verdikt “Rumpelfußball”. Ähnlich wie in vielen gegenwärtigen Diskursen auch und gerade außerhalb des Fußballs ging es damals hauptsächlich um “Gefahrenabwehr”, sozusagen um die passive Seite von Resilienz.

 

Thierry Henry…

Umso eindrücklicher wirkte auf mich der Auftritt des damaligen französischen Stürmer-Stars Thierry Henry in einem Länderspiel gegen einen mauernden deutschen Gegner. Thierry, der auf der rechten Seite etwa an der Mittellinie lauerte, bekam in einer Szene einen Pass aus dem eigenen Strafraum serviert, den die Zuschauer und offenbar auch die Gegenspieler als eindeutig zu steil geschlagen bewerteten und innerlich bereits als im Seitenaus abschrieben.

 

…in vollem Lauf

Nicht so Henry, der losrannte und innerhalb von wenigen Metern derart Geschwindigkeit aufgenommen hatte, dass der Steilpass in spitzem Winkel von links hinten auf ihn zukam, so dass der Franzose genug Zeit gehabt hätte, zu verlangsamen, den Ball zu stoppen und weiter zu verwerten. Die Reaktionen der Gegenspieler waren jedenfalls auf genau dieses erwartete Verhalten eingestellt. Henry aber tat nichts dergleichen. Vielmehr beschleunigte er weiter, bis der Ball und er selbst etwa die gleiche Geschwindigkeit hatten und brachte den Ball in vollem Lauf mit einer kleinen, schnellen Bewegung seines linken Fußes, der ohnehin gerade einen Schritt nach vorn machte, unter Kontrolle.

 

Veränderung als Chance

Ob seine nachfolgende Flanke auf den in der Mitte des Feldes mitgelaufenen Mannschaftskollegen zu einem Tor führte, oder nicht, weiß ich gar nicht mehr. Aber diese Demonstration dessen, was möglich ist, wenn das Ziel (so schnell wie möglich zum Tor) klar ist und die Veränderung (der scharfe Pass) dezidiert als Chance aufgefasst wird, dem eigenen Ziel näher zu kommen, ist mir bis heute im Kopf.

 

Das produktive Element von Resilienz

Denn: Natürlich hätte diese Aktion auch leicht mit einem Ball im Seitenaus oder einem “Verstolperer” enden können. Angesichts des eigentlich missglückten, weil zu scharfen Passes hätte Henry auch ohne Gesichtsverlust untätig bleiben können.

Aber genau dies nicht zu tun, sondern auch auf das Risiko hin, dass mal etwas nicht klappt, Veränderung nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen, ist sozusagen das aktive, das produktive Element von Resilienz.

 

Resilienz als Sicherheitsnetz

Wenn ich ein Ziel verfolge, das für mich Sinn macht und ich also mein Tun als für mich sinnvoll ansehe, dann ist in der Tat damit zu rechnen, dass ich, wenn ich Rückschläge erlebe, rascher wieder aufstehe, als wenn ich eigentlich nicht weiß, warum ich das tue, was ich tue. Mit dieser “passiven” Seite der Resilienz kann ich mir also gewissermaßen ein “Sicherheitsnetz” knüpfen. Ich mache mich damit bis zu einem gewissen Grad unabhängig von dem, was mir so passiert, was sich um mich herum verändert.

 

Hinfallen ist kein Problem

Dieses Sicherheitsnetz aber nicht nur passiv hinzunehmen, sondern es dazu zu nutzen, aktiv meine Ziele zu verfolgen, ist das Moment, das zusätzliche Kräfte freisetzt. Um das tun zu können, um von der ständig notwendigen Reaktion auf Veränderung auf die Aktion umzuschalten, die Veränderung in meinem Sinne zu nutzen, muss ich natürlich wissen, wohin ich will, was mein Ziel ist. Was aber nicht zwingend ist, ist, dass ich mit jeder dieser Aktionen, mit jedem Versuch, meinem Ziel näherzukommen, Erfolg habe.

Hinfallen ist kein Problem. Nicht wieder aufstehen ist eines.

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