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Selbstoptimierung oder: Warum manche Lottogewinner depressiv werden

| Andreas Kellner

Selbstoptimierung oder: Warum manche Lottogewinner depressiv werden

Lesezeit ca. 3:30 min

Kein Zweifel, Selbstorganisation, Zeitmanagement, Ziele verwirklichen und vieles, worüber es uns an dieser Stelle geht, kann man als Versuch der Selbstoptimierung verstehen. Insofern hatte der “Spiegel”, der kürzlich mit dem Thema Selbstoptimierung titelte, leicht, mich zu interessieren.

Und in der Tat, das Optimieren ist sicher eines der wichtigsten Motive dieser spätkapitalistischen Epoche, in der es in allen Lebensbereichen darum geht, noch die letzten Cents an Ertrag aus den Dingen und die letzten Prozente an Effizienz aus den Prozessen zu holen, bis hin zur scheinbaren Perfektion.

 

Die Erwartung der Selbstoptimierung

Kein Wunder also, dass an uns alle auch die Erwartung der Selbstoptimierung herangetragen wird – sei es von anderen oder von uns selbst – und dass viele Menschen ihr Glück als Selbstoptimierer im Alltag versuchen. Wenn man sieht, wie viele Menschen ihr Leben ihrer eigenen Selbstoptimierung (oder der Selbstoptimierung anderer) verschreiben und davon leben, liegt die Vermutung nahe, dass die Selbstoptimierung gegenwärtig eines der häufigsten, ausgesprochenen oder impliziten Lebensziele ist, verbunden mit dem Versprechen von Glücksgefühlen im Alltag.

 

Das richtige Leben dank Selbstoptimierung?

Überall begegnen sie uns, die Aufrufe zur und die Plädoyers für die Selbstoptimierung: SSei es in Bezug auf unseren Körper und seine Gesundheit, unserer Arbeitseffizienz und Leistungsfähigkeit und – ganz traditionell aber gegenwärtig hoch im Kurs – in Bezug auf das “richtige” Leben. Mehr positive Gefühle und Gedanken sollen wir haben, das Familien-Glück optimieren, die Elternschaft perfektionieren, an der Förderung kindlicher Begabung arbeiten, und, und, und. Bis hin zum Wahn, möchte man sagen.

Aber ist dann die Arbeit an der Selbstorganisation, die wir hier propagieren, nicht einfach auch Teil dieses potentiellen Selbstoptimierungs-Wahns?

 

Durch Optimierung in die Depression?

Schauen wir näher hin: “Gut, besser, Burn-out”, so lautete der Untertitel des besagten Spiegel-Titels (Nr. 2 vom 4.1.2020) und folgerichtig kam der Artikel zu dem Schluss, dass man durch Selbstoptimierung seines Lebensglücks verlustig werden kann. Das würde ich dick unterstreichen; nicht umsonst nehmen wir hier ja auch nicht das “erreichbare Maximum” zum Ziel, sondern das sinnvolle Minimum der Selbstorganisation.

Aber damit sind wir noch nicht aus dem Schneider, denn, wenn wir der These folgen, dass auch die Selbstoptimierung ein Weg in die heutzutage oft als Burn-out verbrämte Depression sein kann, tun wir gut daran, uns kurz zu vergegenwärtigen, was wissenschaftlich gesehen die Ursache von Burn-out ist. Die liegt nämlich nicht etwa daran, dass man zu viel arbeitet (oder analog: Selbstoptimierung betreibt), sondern daran, dass man sein Tun als nicht sinnvoll erachtet, wie Prof. Hartmut Rosa vor einiger Zeit in der “GEO” erläuterte (zum Artikel).

 

Mittel und Ziele

Wenn also, wie der Spiegel warnt, auch die Menschen, die sich als Selbstoptimierer versuchen, in der Depression landen können, dann nicht so sehr, weil sie es damit übertreiben, sondern weil sie sich dauerhaft des Gefühls nicht erwehren können, dass die Selbstoptimierung als sinnvolles Ziel, als Glücks-Lieferant im Leben nicht ausreicht.

Und damit sind wir bei der Verwechslung von Ziel und Mittel. Genau wie im speziellen Fall die perfekte Selbstorganisation oder das präziseste Zeitmanagement als sinnstiftender Lebens-Inhalt nicht trägt, tut das auf der allgemeinen Ebene die gesamte Selbstoptimierung nicht.

Optimierung macht nur als Mittel zum Ziel Sinn, und daher auch nur solange und in dem Ausmaß, in dem ich sie zur Verwirklichung meines Ziels einsetze.

 

Die Depression der Lottogewinner

Zahlreichen Studien nach (vgl. z.B. “FOCUS“) haben Lottogewinner statistisch gesehen ein weit überdurchschnittliches Depressions-Risiko. Was fast pervers anmutet, ist nichts als der Beweis, dass Geld – allein – nicht glücklich macht. Genauso ist das mit Selbstoptimierung und folglich Selbstorganisation:

Ich kann jeden Tag den perfekten Tagesplan umsetzen; wenn ich nicht weiß, warum ich das tue, werde ich keinen Sinn daraus ziehen. Ich kann mein Leben dem Aufstieg in die höchsten Weihen der Firma widmen; wenn ich nicht weiß, warum ich das tue, wird es vielleicht ein erfolgreiches, aber auch ein freudloses Unterfangen sein.

Umgekehrt ist wenig befriedigender, als mir die Zeit und Kraft, die ich zur Verwirklichung meiner Ziele – privat wie beruflich – durch das Optimieren meines Umgangs mit meiner Zeit zu holen und so meinem Ziel näher zu kommen, und sei es “nur” mehr Zeit für gute Gedanken 🙂

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