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Selbstorganisation,

Zeitmanagement oder Selbstmanagement?

Selbstorganisation, Zeitmanagement, Selbstmanagement; diese Begriffe werden vielfach synonym verwendet. Ich persönlich spreche meist von “Selbstorganisation”; lange Zeit aber ohne begründen zu können, warum. Am Ende sagte schließlich der eine “Tempo”, die andere “Taschentuch”, gemeint ist das gleiche. Ist das hier genauso?

Sind Selbstorganisation, Zeitmanagement, Selbstmanagement austauschbare Begriffe oder unterschiedliche Dinge?

Nach vielen Jahren Erfahrung mit den verschiedensten Herausforderungen rund um Ziele, Entscheidungen, Prozesse, Methoden, Organisation von Aufgaben und so weiter festigt sich allerdings ein Verdacht: Dass nämlich viele Probleme, mit denen sich Teams, Mitarbeiter und Führungskräfte (und ich selbst) täglich herumschlagen, durchaus etwas mit dieser Begriffs-“Verwirrung” zu tun haben. Oder, um nur ein Beispiel zu bringen:

Viele unserer Kunden kommen mit dem Ziel zu uns, ihr Zeitmanagement zu verbessern, um dann zu erkennen, dass es erst einmal darum geht, an ihrer Selbstorganisation zu arbeiten.

Ist Zeitmanagement

Selbstorganisation?

Aber ich greife vor. Bleiben wir beim Zeitmanagement. Es fängt schon damit an, dass der Begriff suggeriert, dass die Zeit ein Ding sei, an dem ich arbeiten, dass ich managen kann. Das führt bereits auf die falsche Fährte. Denn:

Die Zeit vergeht einfach und nichts, was ich tue, wird sie darin beeinflussen.

Was ich versuchen kann zu organisieren, ist, wie ich mit der Zeit umgehe, die ich zur Verfügung habe. Das Problem, welche meiner Aufgaben ich in der nächsten Stunde angehe, ist ebensoso wichtig wie grundsätzlich lösbar.

Damit wird aus der Frage, was ich mit MEINER ZEIT tue, die Frage, was ICH IN meiner Zeit tue.

Ich setze nicht mehr bei der Zeit an, sondern bei mir selbst. Das ist schon deshalb ein Schritt in die richtige Richtung, weil ich über die Art und Weise, wie ich mit dem umgehe, was täglich so auf mich einprasselt, viel eher Kontrolle erlangen kann, als über “die Dinge selbst”. Das ist ein enorm wichtiger Unterschied.

Denn wenn ich die Entscheidung treffe, meine Produktivität und meine Zufriedenheit mit meiner Arbeit positiv zu verändern, dann ist ein Mindestmaß an Kontrolle der erste Schritt. Umgekehrt ist es ein leichtes, an der immer zu knapp erscheinenden Zeit zu verzweifeln. Denn Jede und Jeder von uns hat mehr Aufgaben auf der Liste als Zeit zur Verfügung.

Damit sind wir beim Selbstmanagement.

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Selbstmanagement

oder Selbstorganisation?

Wir haben uns also vom Zeitmanagement zum Selbstmanagement bewegt. Warum mir der Begriff des Selbstmanagements weniger zusagt als der der Selbstorganisation, habe ich lange nicht verstanden. Schließlich ist “Management” ja ein gängiger Begriff, wenn auch ein importierter. Die Antwort brachte, wie so oft, die Praxis:

In meinen Seminaren empfehle ich für das Anlegen von To Do-Listen immer, Aufgaben so konkret wie möglich zu formulieren, damit ich nicht durch eine diffuse Formulierung dessen, was ich tun will, vom eigentlichen Tun ebgehalten werde.

“Kaffeemaschine entkalten” ist, so betrachtet, eine sinnvolle Aufgabe, “Umsatz steigern” nicht.

Ein kzur Illustration dieser Empfehlung im Seminar durchgeführtes Experiment lieferte folgendes Ergebnis: Für die meisten Menschen verbinden sich mit dem Organisieren weitaus konkretere Handlungen, als mit dem Managen. Das Vorhaben “mich selbst besser zu organisieren” ist also für viele von uns weit einfacher in konkrete Aufgaben und damit Arbeit zu übersetzen, als das Bestreben “mich selbst besser zu managen”. Und:

Bei Aufgaben, wie bei Zielen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie erledigt bzw. erreicht werden, mit dem Grad ihrer Konkretheit.

Selbstorganisation:

was ist das eigentlich?

Ich spreche also nicht von Zeitmanagement, weil ich nicht die Zeit beeinflussen kann, sondern nur mich selbst. Selbstmanagement andererseits klingt als konkrete Aufgabe für viele zu diffus. Bliebe also die Selbstorganisation übrig, wenn ich von einem System sprechen will, das es ermöglichen soll, unseren Alltag in den Griff zu bekommen, damit wir genug Zeit und Kraft für die Dinge aufbringen können, die uns wichtig sind. Nenne man sie Ziele, Projekte oder sonst wie.

Allerdings scheint Selbstorganisation bereits anderweitig besetzt:

In der Systemtheorie bezeichnet Selbstorganisation nicht etwa ein Individuum, das sich selbst organisiert, sondern ein System, das seine Organisation nicht nach Vorgaben von außen, sondern aus sich selbst heraus entwickelt und aufrecht erhält.

Üblicherweise versteht man unter einem System aber einen Zusammenschluss von mehreren Individuen, zum Beispiel ein Unternehmen, eine Institution oder einer ihrer Teile und Strukturen. Können wir unter diesen Umständen überhaupt für unsere Zwecke von Selbstorganisation sprechen?

Selbstorganisation:

Was bringt New Work und Co?

Ich gebe es zu: Viel vom “Hype” um New Work und verwandten Ansätzen halte ich eher für Begeisterung an einer neuen, schönen Theorie, als für ein Bekenntniss zur Änderung täglicher Praxis.

Aber erstens ist das bei vielen relativ neuen Diskursen so, zweitens gibt es Ausnahmen und drittens wirken auch theoretische Debatten in die Praxis hinein, auch wenn das oft auf Missverständnissen beruht. Und am Beispiel New Work zeigt sich, dass es bei meinem etwas “nerdig” anmutend Versuch zur Begriffsklärung um mehr geht als um sprachliche Vorlieben.

Denn – wenig überraschend – trifft man das systemtheoretisch geprägte Verständnis von Selbstorganisation in vielen Ansätzen des New Work-Diskurses wieder. Die Selbstorganisation im Sinne von Selbstführung wird dort nämlich zur Pflicht-Aufgabe guter Unternehmensführung:

Statt hierarchischer Führung wird für New Work die Selbstführung von Teams, Arbeitseinheiten und ganzen Unternehmen propagiert; aus Arbeitsorganisation soll Selbstorganisation werden, aus vorgegebenen Strukturen flexible. Was sind die Folgen?

Selbstorganisation:

Gute Absichten, falscher Ansatz?

Mit der Selbstorganisation im Sinne von Selbstführung ist das so eine Sache. Unter den richtigen Umständen ist sie ein potentieller Produktivitäts- und Zufriedenheits-Katalysator in großem Stil.

Wenn aber die Menschen, von denen Selbstorganisation verlangt wird,

  • dazu nicht befähigt werden,
  • wenn solche Selbst-Führung auf die falschen Bereiche angewandt,
  • oder überhaupt falsch verstanden wird,

sind Produktivitäts-Verlust und Frustration nur einen Wimpernschlag entfernt.

Die schlechten Beispiele, die ich in beinahe jedem meiner Seminare zu hören bekomme, laufen vielfach auf folgendes hinaus: Der Team-Chat oder die Projektmanagement-App, die alle Kommunikations- und Führungsprobleme lösen sollten, entpuppen sich in der Realität als Störenfriede. Scheinbar demokratische Meetings ohne Agenda werden abgehalten, die – voraussehbar – bald zum Zeitfresser verkommen. Aus Verantwortung und Verantwortlichkeit – die durch die Selbstführung ja gerade gestärkt werden sollen – wird allzu leicht Orientierungslosigkeit.

Aus einem chancenreichen Veränderungsprozess wird ein gehasster; Mitarbeiter fühlen sich allein gelassen und Führungskräfte verunsichert.

Das kleinste System bin ich:

Die Lösung eines vermeintlichen Problems

Was tun? Aus meiner Sicht können wir der Systemtheorie den Begriff der Selbstorganisation ruhig lassen, wenn wir gleichzeitig davon ausgehen, dass wir jeden Einzelnen von uns eben auch als System verstehen dürfen.

Denn wenn ich – als das “kleinstmögliche System” – mich aus eigenem Antrieb, also aufgrund dessen, was ich erreichen möchte, selbst so organisiere, dass ich das kann, macht plötzlich alles Sinn:

Einerseits komme ich, wie die meisten von uns früher oder später feststellen, um eine Form von Selbstführung im Sinne von Selbstorganisation ohnehin nicht herum. Sonst wachsen mir meine Aufgaben, Termine und Ziele so rasch über den Kopf, dass ich diesen kaum noch verwenden kann. Andererseits ist eine sinnvolle Organisation des kleinsten Systems, also meiner selbst, auch sinnvolle Voraussetzung für mehr: Erst wenn ich meinen Alltag hinreichend im Griff habe, kann ich mich im größeren Rahmen, also in meinem Team, meinem Unternehmen, meiner Institution sinnvoll einbringen. Egal ob als Mitarbeiter oder Führungskraft.

Wir dürfen also mit Fug und Recht von Selbstorganisation sprechen, wenn wir uns selbst besser organisieren wollen, um unsere Ziele erreichen zu können. Darüber hinaus ist Selbstorganisation die Basis für funktionierende Teams, erfolgreiche Unternehmen und Institutionen und für gute Führung.